„Wir müssen dann schon aufpassen, dass aus Bürgerjournalismus nicht irgendwann Würgerjournalismus wird.“ Manche Sätze aus einem Meeting bleiben einem länger im Kopf. Und mit einem abgeschlossenem Rhetorik-Studium habe ich Respekt vor gut gemachten Wortspielen. Dies hier ist zwar etwas schräg, aber durchaus zündend, wenn es um polemische Stimmungsmache geht.
Wenn jetzt noch von „Loser Generated Content“ die Rede ist, dann finde ich diese Abwandlung von „User Generated Content“ rein sprachlich auch nicht ganz talentlos.
Apple-Kurs sinkt nach Falschmeldung eines Leserreporters
Inhaltlich sind solche Äusserungen ein Akt der letzten Verzweiflung. Daran ändert auch „Johntw“ nichts Wesentliches. Anfang Oktober hat „Johntw“ mit der Falschmeldung über einen angeblichen Herzinfarkt von Apple Boss Steve Jobs beim iReport von CNN für grosse Aufregung gesorgt.
Dies ist mehr als ein schlechter Scherz und die negativen Auswirkungen auf den Börsenkurs von Apple haben gezeigt, was ein einzelner Bürgerjournalist alles anrichten kann.
Im Moment gibt es allerdings mehr als 171 000 Beiträge auf der CNN-Plattform, die erst im Februar gestartet ist. Wenn ein Idiot daneben haut, sollte sich der eine oder andere Kritiker deshalb schon überlegen, ob er gleich das ganze Genre in Frage stellt. Es gab auch im professionellen Medienbetrieb mehr gravierende Falschmeldungen als die Hitler Tagebücher beim Stern. Danach wurde auch nicht die Publikationsform „Magazin“ in Frage gestellt. Warum also die freudigen Reaktionen auf ein Scheitern und Polemisches wie „Würgerjournalismus“ ?
Falsche Erwartungen an Bürgerjournalisten gehabt
Es ist die pure Enttäuschung, die Kritikern von Bürgerjournalismus und User Generated Content so viel Aufwind verschafft. Vor gut zwei Jahren hatten viele Verleger in Deutschland noch glänzende Augen, als die Saarbrücker Zeitung mit dem Leserreporter anfing. Beim Ifra-Kongress Zeitung online 2006 wurde begeistert über das Thema diskutiert.
Die Technik kam von den Pionieren der norwegischen Verlagsgruppe Schibsted. Beim Boulevard Blatt Verdens Gang hatten die Norweger während des Tsunamis beeindruckende Erfahrungen gesammelt. Das Lehrstück zum Thema Bürgerjournalismus wird in diesem PDF ab Seite 46 verkürzt erklärt.
User Generated Content gibt es nicht kostenlos
Was der Referent damals verschwieg, sind zwei Grundregeln des Bürgerjounalismus, die jedem ausgebildeten Journalisten auf den Magen schlagen:
- Bürgerjournalisten schreiben nicht nur selbst. Sondern entscheiden auch selbst worüber und wie ausführlich sie über etwas schreiben. Das Agenda Setting geht also von der Redaktion zum Leser. Schön lässt sich das auf „Singapore Seen“ der Plattform STOMP beobachten.
- Medienhäuser und Journalisten verdienen Geld mit Inhalten. Wenn jemand trotzdem kostenlose Inhalte für ein Medienhaus liefert, bedarf es zumindest einer grossen Portion Respekt. Wer da nach journalistischen Massstäben redigiert, wird schnell merken, dass seine Leserreporter das gar nicht schätzen.
Mit Themenauswahl, Themengewichtung und einer eigenen Sprache nehmen die Leserreporter klassischen Journalisten also sehr viel Elementares aus Ihrem eigentlichen Berufsbild weg.
Da kann man schon mal etwas polemisch mit Schlachtrufen wie „Würgerjournalismus“ und „Loser Generated Content“ reagieren. Aufhalten lässt sich die Entwicklung damit allerdings nicht.
Was man vielleicht noch hinzufügen sollte: Bürgerjournalismus wird in seiner ernstzunehmenden Form, eher nicht auf Plattformen etablierter Medien stattfinden.
Schauen wir doch mal, was die Bürgerjournalisten so alles berichten:
http://www.giessener-zeitung.de/global/start/
Oh, wie seltsam: 90 Prozent klingt wie schlecht geschriebene und schlech redigierte Pressemitteilungen von lokalen Pressesprechern.
Gut, dass diese dilettantischen bezahlten Journalisten nicht mehr den fleißigen Bürgerjournalisten, die die tollen marketinglastigen Firmen-Pressemittelungen und die mäandernden Vereinsberichte geschrieben haben, in den Artiklen herumpfuschen!
Gutes Resumee, vor allem der letzte Satz. Da kann man so viel meckern und kritisieren und schlechte Verwertungsstrategien ausprobieren wie man will, Nutzerinhalte haben ihren Platz im Netz doch schon längst erobert. Ich glaube, dass die etablierten Medien viel zu viel Panik und viel zu wenig Ahnung von dem Thema User-Generated Content haben, um das ganze objektiv beurteilen zu können. Und der Marketinger ist schwer verzweifelt, weil es mit der monetären Verwertung nicht richtig klappen will.
Wie läufts eigentlich mit den leserreportern bei bild?
http://www.bild.de/BILD/news/leserreporter/home/leserreporter.html
[...] Im Ganzen nachzulesen auf: ressmann.wordpress.com [...]
Guter Beitrag! Aus unserer Arbeit mit myheimat.de kann ich die Aussagen nur bestätigen. Es braucht viel Mut auf die „Weisheit der Vielen“ zu Vertrauen und auf gleicher Augenhöhe mit der Community an Bürger-Reportern zu arbeiten. Und man darf zu Beginn nicht erwarten, dass 100% der Inhalte den traditionellen, journalistischen Qualitätsmaßstäben standhält. Aber wir erkennen ganz eindeutig, dass man mit der Community arbeiten kann und nach und nach die Qualität besser wird. Man muß hier sehr viel animieren, befähigen, begleiten und investieren, aber man merkt auch deutlich, dass dies fruchtet mit der Zeit. Und es ersetzt nicht den Journalist; es ist eine zweite Schiene.