Pascal Fessler ist Leiter des webCenter Ringier in der Schweiz. Er produziert unter anderem das Web-TV für die Schweizer Illustrierte, CASH und Blick. Der Betreiber dieses Blogs und Pascal Fessler kennen und duzen sich durch ihre Zusammenarbeit bei den Rezeptvideos der Coopzeitung.

Die jüngste Pressemitteilung zum webCenter Ringier ist fast ein Jahr alt. Wer diese Woche im Netz nach einer Eigendarstellung von Euch sucht, findet allerdings wenig. Kannst Du für alle, die Euch nicht kennen, nochmal kurz erklären, was ihr im Moment alles macht?
Neben unserem Tagesgeschäft, dem Produzieren von Web-TV Sendungen für Blick, CASH oder die Schweizer Illustrierte, können wir zur Zeit viele neue spannende Projekte für Kunden ausserhalb der Ringier Welt lancieren. Eben gestartet ist diesen Monat die Web-TV Reihe eHeinz für Schweiz Tourismus. Für unsere Kunden konzipieren und realisieren wir Web-TV Gefässe, Viral-Spots oder Präsentationen für Kunden und Mitarbeiter über Intranet. D.h. wir definieren gemeinsam Aussagewunsch, erarbeiten die Drehbücher/ Script, organisieren die Drehs, drehen und produzieren das Video um es abschliessend auf dem Web, im TV oder auf dem Handy zu publizieren.
Unsere Stärke liegt darin, dass wir in diesem neuen Feld der Medien bereits über zwei Jahre an Erfahrung sammeln konnten. Unsere Kunden schätzen dies. So übersteigt die Nachfrage teilweise unsere Kapazitäten und wir gehen bereits wieder dem nächsten Ausbauschritt entgegen. Aktuell beschäftigen wir 13 Mitarbeiter, vor zwei Jahren waren wir 4.
Was ist der wesentliche Unterschied zwischen Web-TV und Fernsehen?
Gibt es einen? Diese Frage wird sich in den nächsten Jahren nicht mehr stellen, davon bin ich überzeugt. Web-TV und klassisches TV werden sich weder über den Inhalt noch über den Verbereitungsweg unterscheiden. Damit isch schon gesagt, wo im Moment der wesentliche Unterschied liegt. WebTV Inhalte sind meistens wesentlich kürzer und auf eine junge Zielgruppe gerichtet. Dies hängt mit der Verbreitungsart zusammen. Zudem ermöglicht Web-TV in Zukunft, dass jeder in der Garage mit wenig Geld und entsprechendem Wissen Web-TV machen kann. Diesen Umstand nutzen auch heute bereits erste grosse Fernsehstationen und Verlage und ermöglichen so Projekte, welche mit dem Kostenblock des traditionellen TVs nicht machbar gewesen wären.
Unter dem Stichwort “Medienkonvergenz” vertreten viele internationale Experten die Meinung, dass der Print-Journalist in Zukunft auch Inhalte für das Web produzieren kann. Manche meinen sogar, dass er gleich noch einen kleinen Film fürs Internet machen könnte. Warum brauchen wir dann noch Spezialisten wie Euch?
Wir fahren solche Tests seit zwei Jahren. Unser Fazit: es kommt auf den Anspruch an. Wer nur ein abgefilmtes Statement einer Pressekonferenz braucht, der kann dies mit wenig Ausbildung und einfachem Equipment bereits heute tun. Uns Spezialisten braucht es aber auch da für eine weitere Verwertung. Und wo Qualität und Zeitdruck eine Rolle spielen, da müssen wir weiterhin Spezialisten einsetzen. Weil wir der Überzeugung sind, dass Web-TV mehr ist als einfach nur bewegte Bildchen auf der Page zu haben. Konvergenz sehen wir eher darin, dass jeder alle Medien versteht und kombinieren kann und so ein gemeinsames Spiel entstehen kann. Das ein Journalist alles produziert erachte ich als unmöglich und wenig sinnvoll.
Wie nutzt ihr das Know-How aus den Zeitungsredaktionen. Arbeitet ihr auch mit Print-Redaktoren zusammen oder sind Eure VJs autonom?
Wir kennen alle Varianten. Einfache Einsätz ohne VJ (Videojournalist). Unsere Printredaktoren haben wir so ausgebildet, dass sie uns verwertbares Material bringen können. Die weitere Verarbeitung erledigen aber unsere Produzenten. Bei grösseren Anlässen arbeiten Print und wir vom Web-TV zusammen, werden gemeinsame Geschichten konzipiert und umgesetzt. Auch der umgekehrte Fall funktioniert. Unsere VJs arbeiten autonom und verfassen am Schluss auch noch einen kleinen Anrisstext fürs Web oder die Zeitung. Für die gesamte Koordination gibt es eine gemeinsame Redaktionssitzung. Dort profitieren alle vom Know-how eines einzelnen.
Technisch gibt es offensichtlich noch einige Missverständnisse. Warum reicht es nicht, wenn Verlage im Elektromarkt um die Ecke für 700 Franken einen Camcorder oder ein Multimedia-Handy kaufen?
Klar kann ein gut ausgebildeter Mitarbeiter auch mit Billigkameras ansprechendes Web-TV machen, wenn die Umstände günstig sind oder die Ansprüche tief. Wir sind der Überzeugung, dass unser Zuschauer auch im Web Anbspruch hat auf inhaltlich wie technisch gut gemachte Videos. Wir müssen uns hier vom User Generated Content, wie bei Youtube, abheben. Dies schaffen wir leider (noch) nicht mit günstigen Camcordern, da diese nicht für solche Einsätze gebaut wurden. Probleme bereiten Ton, Licht und die Zuverlässigkeit im Dauerbetrieb. Aber es ist auch für uns so, dass TV machen, ob klassisch oder fürs Web, immer günstiger wird. Das wird uns in Zukunft erlauben, auch qualitativ hochwertige Inhalte für kleine Zielgruppen zu produzieren.
Im TV ist Hintergrund-Musik seit Jahren standard. Deshalb wird das Thema für Webvideos an einigen Stellen unterschätzt. Rechte- Verwertungsgesellschaften wie die SUISA wollen aber auch hier Gebühren. Was bedeutet das für die Kosten von Webvideos?
Anders als im klassischen TV hat die SUISA uns noch kein gerechtes Modell vorschlagen können, wie wir Musik verwenden können. Dies liegt zum einen in der Angst der Musikindustrie vor dem Internet begründet im anderen mit der Geschwindigkeit des Marktes auf dem Web. Für geschützte Musik sind wir bereit, einen fairen Preis zu zahlen. Ist dieser zu hoch, verzichten wir darauf und arbeiten mit Alternativen.
Im englischsprachigen Raum gehen einige Anbieter dazu über neben dem Flashvideo, auch ein Download-Format für den iPod, die PSP oder das Handy anzubieten. Ist das mittelfristig auch ein Thema für die Schweiz?
Wir bieten dies bereits an, in diversen Formaten. Ich habe eben unsere Inhalte über Quicktime auf dem iPhone konsumiert; grossartig! Gerade im Mobil-Bereich wird sich jetzt viel bewegen. Wir wollen unsere Zielgruppe erreichen, unabhängig von deren Geräten oder Standort, darum prüfen wir alle Verbreitungswege und stets kommen neue hinzu. Dies lohnt sich wegen der kleinen Anzahl User zwar zu Beginn oft nicht, zahlt sich dann aber häufig aus, wie wir bereits mit iTunes feststellen durften.
“Blickpunkt“, “CASH video” oder “20 minuten tv” inzwischen haben die Webbilder in der Schweiz auf breiter Front laufen gelernt. Gerade diese Sites werden auf der Suche nach aktuellen News auch zu einem grossen Teil vom Büro aus aufgerufen. Sicher kein Ort für lange Video- Sessions. Was bedeutet das für Eure Arbeit?
Wir richten unsere Tagesproduktionen klar auf den Büroalltag aus. Ausgestrahlt wird schwerpunktemässig unter der Woche am Morgen und am Mittag. Und kurz müssen die Videos sein. Allerdings stellen wir bei der jüngeren Zielgruppe eine Verschiebung fest. Sie schauen Videos auf dem Netz zulasten des klassischen TVs. Mittlerweile erreichen wir auch am Abend und am Wochenende schöne Zuschauerzahlen.
Ein Problem liegt in der technischen Natur. Viele Firmen blocken z.B. Flash-Applikationen oder verbieten Downloads. Daher wollen wir auch mobil empfangbar sein, auf dem privaten Handy oder dem iPod.
Für die Videos bei der Schweizer Illustrierten wurde offensichtlich ein Sponsor gefunden. Was ist Dein Eindruck: Gibt es bereits ein echtes Vermarktungsinteresse für Webvideos im Schweizer Markt und welche Werbeformate etablieren sich?
Es gibt ein sehr hohes Vermarktungsinteresse in der Schweiz an Online-Videos. Doch die gesamte Branche steht hier noch mitten im Lernprozess, deshalb gestaltet sich die Vermarktung trotz regem Interesse teilweise harzig. Banner und klassische TV-Spots haben es schwer, was gut funktioniert sind Presenter für ein bestimmes Thema (Imagekampage) oder Crossmediale Vermarkung (Produktewerbung) über alle Kanäle.
Bei den Aufrufen von Webseiten hatten wir jahrelang Zeit Erfahrungen zu sammeln. Bei Videoabrufen stehen wir noch immer am Anfang. Wieviele Abrufe traust Du einem guten Online-Video in der Schweiz innerhalb einer Woche zu?
Bis zu einer halben Million Zuschauer. Das ist nicht etwa grosszügig geschätzt, sondern basiert auf unseren Erfahrungen. Allerdings sind dies Spitzen. Aber ein gutes Video hat enormes Potential, da es im Gegensatz zu klassischem TV verschickt und zeitversetzt gesehen werden kann. Wir beliefern Seiten, auf welchen jeder zweite User, der die Seite besucht, sich auch ein Video anschaut. Da sehe ich für viele Seiten enorme Möglichkeiten.