Christoph Lüscher ist Projektleiter und einer der Erfinder von FACTS 2.0, dem Newsnetzwerk der Tamedia in Zürich. Gleichzeitig ist er Geschäftsführer der Datingplattform PartnerWinner.ch. Christoph Lüscher und der Betreiber dieses Blogs kennen und duzen sich seit ihrer Zusammenarbeit beim Aufbau eines crossmedialen Partnerschaftsformats für die Coopzeitung.

Web-News vom TV-Sender AL JAZEERA, Ansichten aus dem Blog zum Thema Anmut und Demut oder Meldungen aus der NZZ. Weiss Dein Chef bei der Tamedia eigentlich, was die Besucher von Facts 2.0 so alles unter Eurem Dach für Informationen abonnieren können?
Absolut. Radikale Offenheit, gleiche Ausgangslage für alle Quellen und Vernetzung waren von Anfang an Teil des Konzepts. Freilich im Rahmen eines Experiments finden meine Vorgesetzten einfach spannend, was passiert, wenn man auf der grünen Wiese mal etwas so richtig internettiges macht.
Wann hat Dein Chef aufgehört, die Idee Facts 2.0 für verrückt zu halten und wie hast Du die Verantwortlichen von dem Konzept überzeugt?
Die Idee kam erstaunlich rasch an, wohl auch weil der mögliche Gewinn (tiefgreifende Erkenntnisse über das Funktionieren der Aufmerksamkeitsökonomie im Internet, möglicher finanzieller Erfolg) in einem offensichtlich guten Verhältnis zum recht geringen Risiko standen. Wir konnten FACTS 2.0 auf modernster, schlanker Technologie und teils auf einer bestehenden Applikation aufbauen. Offshoring und viel Goodwill von allen Beteiligten liessen FACTS 2.0 zu einem der schnellsten und schlanksten Webprojekte werden, die ich persönlich kenne. Ende Juni hatten wir die erste Idee, anfang September waren wir mit einer ersten Version online.
Ich habe dieses Jahr noch ein Klassentreffen. Bei so einem Anlass verstehen immer weniger Teilnehmer, was ich heute eigentlich beruflich mache. Wie erklärst Du einem ehemligen Mitschüler die Idee hinter FACTS 2.0 und was Du da machst?
Unlängst hat mich doch tatsächlich jemand gefragt, wann ich denn gedenke, in meinem Leben noch “etwas Richtiges” zu machen. Online Dating lässt sich jedem erklären: Du suchst einen Partner, Du findest ihn bei uns. FACTS 2.0 ist da schon schwieriger. Ich versuche, die Leute bei ihrem Interesse abzuholen: wenn Du Dich für das Weltgeschehen unter Ausnahme von Britney Spears interessierst und gerne diskutierst, dann schau mal vorbei, online verstehst Du es besser, als wenn ich es Dir hier erkläre. Wenn mir allerdings jemand sagt, das Internet sei nicht real, dann lächle ich und gehe meines Weges. Den Hang zum missionieren habe ich längst abgelegt.
Lass uns noch eine letzte Frage aus solchen Klassentreffen anschliessen: Und habt ihr Erfolg und wie verdient ihr mit sowas Geld?
Wir kriegen viele positive Feedbacks zu FACTS 2.0, teils über die Landesgrenzen hinaus. Zudem wachsen die Leserzahlen stetig. Das gibt mir das Gefühl, dass wir auf dem richtigen Weg sind. FACTS 2.0 wurde bewusst als Hybrid aus Community und reinem “Lesemedium” konzipiert, damit hoffen wir die typischen Communityprobleme bei der Vermarktung umgehen zu können. Dass diese Idee aufgeht, müssen wir allerdings zuerst noch beweisen. Angesichts des zarten Alters der Plattform ist das aber nicht besonders verwunderlich. OK, am Klassentreffen würde das jetzt niemand verstehen.
Apropos Geld. An manchen Stellen wird sehr grosser Wert auf die Distanz zwischen klassischen Medien und Blogs gelegt. Wer sich in Eurem Newsnetzwerk anmeldet, kann bei den Quellen auch jede Menge Texte aus Blogs abonnieren. Wie reagieren Blogger, wenn sie Teile Ihrer Texte unter dem Dach einer Webseite eines grossen Verlagshauses finden?
Viele Blogger haben rasch gespürt, dass FACTS 2.0 nicht “evil” ist und begrüssen das Potential, über uns zusätzliche Leser zu gewinnen. Wir haben auch stets offen kommuniziert und jeden, der nicht bei uns drauf sein wollte sofort gelöscht. Klar, es gab auch kritische Stimmen und es wird wohl auch immer wieder welche geben. Wir hören uns die Inputs an und fragen uns, was dran ist. Einige Antworten sind auch in der technischen Pipeline. Auf plumpes Tamedia-Bashing gehen wir nicht ein, dafür ist uns die Zeit zu schade und uns kommt dann jeweils in den Sinn, dass auch diese Blogger am Tropf der allmächtigen Mutter Google hängen.
Facts “verbindet Blogger”, “diskutiert Artikel” oder “knüpft Kontakte mit Fans und Kollegen”. Wer sich Eure Eigenbeschreibungen anschaut, merkt, dass es hier nicht nur um Newsaggregation geht. Community ist Euch offensichtlich wichtig. Was für Menschen bewegen sich in dieser Gemeinschaft?
Wir möchten einen Dreiklang Community-Technologie-Redaktion erzielen, mit anderen Worten: aus einer selektiv zusammengestellte “Kerncommunity” von Newsinteressierten soll mit Hilfe einer guten Technologie und unterstützt von einer kleinen Redaktion ein Medienprodukt entstehen, das mehr als nur die Communitymitglieder interessiert. Der Gedanke dahinter ist, ein durch und durch interaktives Medium zu erzeugen, das dennoch nicht ausschliesslich Communitymechanismen ausgesetzt ist. Das hat auch eine gewisse Intransparenz beim Newsauswahlprozess zur Folge, nicht jede Stimme oder jeder Kommentar bringt einen Artikel gleich auf die Homepage. Dafür ist das Endprodukt auch nicht so “nerdig” wie z.B. digg.com.
Verlage und Journalisten haben Ihren Lesern über Jahrzehnte hinweg die Welt erklärt. Nun reden die Leser plötzlich über die Kommentarfunktion und Foren mit. Das gefällt nicht allen. In den vergangenen Tagen wurde oft und viel über destruktive Kommentare auf Webseiten diskutiert. Wie ist das bei FACTS?
FACTS 2.0 hat einen zweischichtigen Aufnahmeprozess, Neuankömmlinge müssen von einem berechtigten Nutzer “gesponsert” werden. Das hemmt zwar das Communitywachstum, fördert aber den Respekt – und macht die Community sehr gut kontrollierbar. Wir sind stolz auf die hohe Qualität der Kommentare auf FACTS 2.0.
Destruktive Kommentare können eine wahre Pest sein, vor allem wenn manische Einzelpersonen unter diversen Pseudonymen in diversen Medien quasi eine Massenbewegung oder Dialoge mit sich selbst inszenieren. Solches beleidigt jeden ehrlichen Textarbeiter, ob Blogger oder Journalist. Betreiber einer Website sollten hier Verantwortung übernehmen und destruktive Kommentare konsequent löschen.
Habt ihr schon Kommentare löschen müssen und wie waren die Reaktionen in der Community?
Wir mussten wegen der oben genannten Mechanismen bisher sehr wenige Kommentare löschen (weit unter 1%). Es gibt Personen, die bei jeder Löschung sofort “Zensur” schreien. Denen antworten wir: ja, gerne. Keinesfalls löschen wir kritische Kommentare, seien sie zur Politik, Gesellschaft, zu FACTS, zur Tamedia. Rundumschläge unter der Gürtellinie, persönliche Angriffe auf andere User oder öffentliche Personen, blattanter Sexismus, Rassismus etc. “zensurieren” wir jedoch jederzeit gerne. Die wenigen “Zensurierten” betrachteten die gelöschten Kommentare übrigens oft selber als Ausrutscher.
Was muss ein etabliertes Medienhaus Deiner Meinung nach für eine gute Kommentar- und Diskussionskultur auf seinen Webseiten tun?
Kontrolle durch einen Aufnahmeprozess, Profilprüfung oder gar Echtnamenzwang sollten sich etablierte Medien ernsthaft überlegen. Lieber etwas weniger, dafür hochstehende Kommentare. Auf der anderen Seite ist Offenheit gefragt: unbequeme Kommentare dürfen nicht einfach ‘rausfliegen und die Autoren der kommentierten Texte sollten sich gegebenenfalls zu Wort melden. Wer zu solchem nicht bereit ist, sollte bei seinem “Top-Down” Kommunikationsstil bleiben und auf halbbatzige Anbiederungen bei den Lesern verzichten.
Einige erhoffen sich eine bessere Diskussionskultur, wenn die Leser nur mit ihrem richtigen und vollständigen Namen kommentieren und diskutieren. Wie findest Du das, wenn in fünf Jahren noch jede Personalabteilung Deine heutigen Blogkommentare googeln kann?
In meinen Augen hängt die individuelle Kommentarkultur nicht zwingend mit der Verwendung von Echtnamen zusammen. Auch an Klassentreffen wird unter vollem Namen übles erzählt. Ich weiss, dass andere das nicht so sehen. Zudem ist es oft enorm schwierig, Echtnamen im Internet auch tatsächlich zu verifizieren. Der Ansatzpunkt sollte bei denen liegen, die Kommentaren eine Plattform geben. Ein Blogger betreibt ein Mini-Medienhaus und damit kommt auch eine Verantwortung für die publizierten Inhalte, inklusive der Kommentare. Das heisst nicht, dass nun alle Blogger Kommentare vor der Publikation monitoren müssen, aber wenn ein Blogger (oder ein Verleger) offensichtlich verleumderische, rassistische, sexistische Kommentare über Tage online lässt, oder sogar noch darauf antwortet, nimmt er die Pflichten nicht wahr, die mit seiner Tätigkeit, ob “nur” Hobby oder nicht, einhergehen und gefährdet damit indirekt den Ruf, oder in schlimmsten Fällen sogar das Leben anderer.
Ich persönlich kommentiere fast immer unter meinem vollständigen Namen, Kommentare sind öffentlich und ich werde dort auch nichts äussern, was nicht öffentlich sein darf (bzw. gegoogelt werden darf). Der vollständige Namen erinnert mich daran.
Ach du liebes Bisschen. Jetzt bin ich auch schon Teil eines radikal offenen Experiments, das Vorgesetzte spannend finden. ;]
Vielen Dank für das tolle Interview und den Link!
Herzliche Gratulation zur Entwicklung von Facts 2.0 – ich bin mittlerweile ein großer Fan der Seite und muss sagen: der tägliche Newsletter ist einfach perfekt: unvorhersehbar, aber immer spannend.
Ich als Blogger freue mich immer wenn ich input kriege von themen die ein thema anreissen das nicht so im maintream enthalten ist..und facts 2.0 hat mich schon oft mit infos versorgt..vielleicht kann ich ja auch mal facts2.0 mit meien infos füttern..also macht weiter so!
[...] Christoph Lüscher missioniert nicht mehr (ressmann.wordpress.com) “Ich versuche, die Leute bei ihrem Interesse abzuholen: wenn Du Dich für das Weltgeschehen unter Ausnahme von Britney Spears interessierst und gerne diskutierst, dann schau mal vorbei, online verstehst Du es besser, als wenn ich es Dir hier erkläre. Wenn mir allerdings jemand sagt, das Internet sei nicht real, dann lächle ich und gehe meines Weges. Den Hang zum missionieren habe ich längst abgelegt.” [...]
[...] Interessantes Interview über Facts 2.0 [...]
Sehr Ehrenhaft, dass hier ein Forum mit einer gesitteten Kommentar- Kultur entstehen soll. Ich bin sehr gespannt, ob dies gelingt, ohne ein Zuviel an sogenannter «Zensur»!
Man beachte: gerade heftige Gefühlsausbrüche mehr oder minder bekannter Persönlichkeiten geben doch oft «das grosse mediale Fressen» her. Werden wir als NutzerInnen der neuen Medien-Formate dieser Versuchung widerstehen? Wohin mit den Emotionen beim lesen, kommentieren, bloggen? Wird es dafür ein separates Forum geben?